Vor einigen Tagen durfte ich mal wieder “die Deutschen” bei einem ihrer liebsten Hobbies beobachten: Motzen und Stänkern.
Fall Nr. 1 in aller Früh im ICE von Frankfurt nach Essen. Ein Herr mittleren Alters kommt ins Abteil, sucht sich einen der reservierten Plätze aus (alle 6 waren reserviert) und macht es sich gemütlich. Kaum kommt die freundliche Zugbegleiterin zur fahrkartenkontrolle, kann es der Herr nicht mehr an sich halten und fährt die Dame an, dass er seinen Termin um 9:30 Uhr nicht einhalten könnte, da der erste Zug nach Düsseldorf wohl ausgefallen war. Er hatte in diesem Zug einen Platz reserviert und insistierte jetzt bei der Zugbegleiterin auf Ausgleich der Reservierungsgebühr in bar — was bei einem online gebuchten Ticket per AGB ausgeschlossen ist. Das versuchte ihm dann auch die so angemotzte Zugbegleiterin klarzumachen — ohne Erfolg. Der eilig herbeizitierte Zugchef konnte den Herrn dann doch noch ruhigstellen. Das war den Mitreisenden bisher zu dem Zeitpunkt nich gelungen.
Was mich allerdings verwundete, war die Tatsache, dass der Herr am Revers stolz das Emblem der Caritas trug — die ja eigentlich ein christliches Menschenbild propagiert und von ihren Mitarbeitern auch entsprechendes Handeln fordert.
Fall Nr. 2 — Rückfahrt im ICE von Essen nach Frankfurt. Mein Zug fährt ausgerechnet pünktlich ab und mir vor der Nase weg. Dumm gelaufen. Glücklicherweise fuhr nur 5 Minuten später schon der Nächste Richtung Frankfurt. Für mich hies das: Plätzchen suchen und hoffen, dass der eigentliche Eigentümer der Reservierung nicht auftaucht. Was bei zwei zusammengekoppelten Zügen nicht gerade unwahrscheinlich ist.
Einem Mitreisenden ging es wohl ähnlich, bzw. er hatte nicht reserviert und darauf gehofft, dass der Vierertisch, an dem er saß, nicht mehr besetzt wird. Dem war nicht so: es tauchten tatsächlich vier Herren auf, die ihre Plätze einnehmen wollten. Nur war das mehr als 10 Minuten nach Abfahrt, was der Sitz-Besetzer zum Anlass nahm, darauf zu bestehen, sitzen bleiben zu dürfen. Denn nach 10 Minuten würde jegliche Reservierung verfallen und freigegeben werden. Er versäumte dabei nicht, diese Belehrung lautstark im Großraumabteil kundzutun. Damit nicht genug. Nach einigem hin und her hat er dann “großzügig” den Platz freigemacht, sich eine Reihe weiter gesetzt und seinen neuen Sitznachbarn über die tieferen Geheimnisse der Reservierungsregelungen der DB aufgeklärt. Ob der Angsprochene das unbedgint wissen wollte, enzieht sich meimer Kenntnis, allerdings durfte auch hier wieder der ganze Wagen mithören.
Es ist wird mir auch weiterhin ein Rätsel bleiben, warum Menschen hier in Deutschland dazu neigen, in nicht existenziell bedrohlichen Situationen ein Theater zu veranstalten, als ob es ihnen an Leib und Leben gehen würde.
Please advice!


